Abschiedsworte von Thomas Vergörer

26. November 2016    

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ass es nun genau sieben Jahre als Dirigent bei der Dorfmusik geworden sind, hängt nicht mit meiner Übung in der Gestaltung von dramatischen Verläufen zu tun. Vielmehr wurde über die letzten drei Jahre die A95 mein zweites Wohnzimmer, da ich in dieser Zeit voll ins Familienleben mit allem drum und dran nach Murnau abgetaucht bin. Ich muss gleich vorausschicken, dass diese Umstände zwar keine jahrzehntelange Dirigentschaft bei der Dorfmusik zuließen, aber meine Freude an der Leitung des Orchesters über die Jahre niemals geschmälert hat.

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un aber zu den Anfängen: Indirekt tat ich meine ersten musikalischen Schritte sozusagen bei der „Dorfmusik in Spe“. Und zwar in der Form, dass ich im Alter von 5 Jahren Blockflötenunterricht bei Alfred Schmid nahm, oder besser gesagt genommen wurde, der genau um diese Zeit, also 1982/83, Mitbegründer und erster Dirigent der Dorfmusik wurde. Ob mein Gepfeiffe ihn zu diesem folgenschweren Schritt bewog, will ich mir nicht anmaßen. Nach dieser Episode des mühsamen Notenlernens wechselte ich erstmal das Kaliber. Als frischgebackener Grundschüler nahm ich bei Mira Pysny, die schon damals in Haimhausen tätig war, Klavierunterricht. Dieses Instrument ebnete mir dann auch später den Weg aufs musische Gymnasium und begleitete mich auch durchs Musikstudium. Dass sich dann in der 7. Klasse der Kreis hin zum Blasinstrument wieder schloss, war meinem Deutschlehrer geschuldet, der ein Spitzenposaunist war und in professionellen Kreisen musizierte. Eines Tages stellte er mir eine nagelneue Yamaha-Posaune auf die grüne Schulbank mit den Worten „das willst du doch lernen oder?“. Jedenfalls war diese Zeit, in der ich auf Orchesterfahrten quasi als Anfänger zwischen Leuten mit faszinierender Klangkultur und Präzision sitzen durfte, die prägendste für mich. So glaubte ich mit diesen ästhetischen Erweckungserlebnissen nun alles zu wissen, und rief 1990 im Alter von 13 Jahren bei Ernst Wallner an, dem damaligen Vorstand der Dorfmusik. Obwohl ich erst ein Jahr Unterricht hatte, nahm er mich sofort auf. So saß ich dann als halbwüchsiger Bub im Pfarrheim hinten links in der vierten Reihe neben der Tuba, die Axel Bernhauer blies. Er zeigte mir geduldig wo wir gerade waren, als ich zum x-ten mal aus dem Takt flog – mit Polkas und Märschen hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten. Meine Scham verflog aber auch recht schnell, nachdem ich merkte, dass die älteren Granden mit Gleitsichtbrille auf ihrem Instrumenten auch zu kämpfen hatten, oder nicht mitbekamen was drei Reihen weiter hinten passierte. Die bewährte Taktik der anderen gegenüber dem Dirigenten -damals Heinz Keimeier- hatte ich auch bald heraus: Reinhauen, wenn man sich sicher ist, und wenn man rausfliegt, dann beteuert man auf Nachfrage mit unschuldigem Achselzucken: “ I hob da nix !?!“ -also Pause. Alsbald veränderte sich der Altersdurchschnitt der Dorfmusik dramatisch. Kurze Zeit nach meinem Einstieg fand eine Musikererosion von der Knabenkapelle Dachau Richtung Haimhausen statt. Das Niveau stieg sprunghaft an, und mit ihm auch die Literatur hin zu mehr konzertantem Stil. So gewannen auch die Jahreskonzerte in der Schulturnhalle einen hohen Anspruch. 

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n den knapp 20 Jahren als aktiver Spieler bleiben natürlich vor allem die Erinnerung an besonders lustige oder peinliche Momente im Gedächtnis hängen, die ein eigenes Buch füllen könnten. Als schließlich 2009 die Aufgabe des Dirigenten auf mich zukam, war ich zugegebenermaßen froh, den Status des Aktiven verlassen zu können und eine neue Herausforderung zu bekommen. Meine Probenbesuche waren über die Zeit durch musikalische Aufgaben in Schule und Studium immer weiter hinten angestellt worden. Frisch aus dem Referendariat als Musiklehrer entlassen, übernahm ich also 2009 den Taktstock von Matthias Bahr. Rein optisch hatte sich die Dorfmusik bereits einer regelrechten Evolution unterzogen: Am Anfang waren Lederhosen ohne Westen, Blätter aus Akten-Ordnern die am Boden lagen, schüttere Haare ohne Hüte, grüne Dirndl und Stücknummerierungen die keiner zuordnen konnte. Dazu gesellte sich eine ganz besondere Kultur, eine Art „Mut zur Derbheit“, die bei Auftritten des öfteren lustvoll gepflegt wurde. Diese paarte sich mit spitzfindigem Humor, wie beispielsweise der Abänderung des Stücktitels „Ich hab dich gern“ zu „Habts mi gern“ oder „Die fesche Anna“ zu „Die fette Anna“. Diese Wortspiele fanden über Jahre immer wieder neue Lacher, man glaubt es kaum. Besonders eklatant erscheint mir aus heutiger Sicht der Unterschied in der Einstellung zum Musizieren auf der Bühne von damals und heute. Damals wurde bewusst darauf geachtet, dass man sich nicht zu sehr verausgabt, denn die Gage gibts ja nicht pro Musikstück, sondern immer pro Stunde. Das wurde mit einem Schmunzeln offen ausgesprochen, aber dann ganz ernst durchgezogen. Auch der Ansatz musste für mehr als ein Stück reichen. Unter meiner Dirigentschaft hingegen ist es dann schon vorgekommen, dass ich von meinen Musikern einen Arschtritt bekommen habe, weil eine Raucher-Pause zu lang dauerte oder aber die Stücke nicht wie Gewehr-Salven aufeinander folgten. Also im positiven Sinn nicht wieder zuerkennen. Auch was die Leidensfähigkeit anbelangt: Marschierereien bei 45 Grad im Schatten, 45 Minuten Non-Stop Wiederholung eines Stückes, kalkulierte Ansatzvernichtung, grölende Menschen auf der Bühne, Aufstehen beim Spielen und ständiges Singen. 

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ie Bereitschaft intensiv zu Proben und die Musik mehr in den Mittelpunkt zu rücken ist aus meiner Sicht allerdings der positivste Aspekt. Wo früher über technische Unzulänglichkeiten eines Einzelnen in der Probe offen gelacht wurde, tritt heute eine Selbstverständlichkeit in der Sache und eine musikorientierte Arbeitsatmosphäre. Dass sich damit trotzdem Spaß und Unernsthaftigkeit hervorragend paart, gehört mittlerweile auch zum vielzitierten „Geist der Dorfmusik“.

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ie Dorfmusik ist mit meiner rund 25 jährigen Mitgliedschaft Teil meines Lebens geworden, auf den ich mit Freude und Stolz zurückblicke. Es freut mich, dass mit Emma Morris eine qualifizierte Dirigentin ins Haus geschneit ist, die mit großem Elan ab Januar 2017 mein Amt übernehmen wird. 

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ch wünsche Euch, liebe Haimhauser, mit „meiner Dorfmusik“ weiterhin viele schöne und unterhaltsame Auftritte und Konzerte, wo auch immer die Dorfmusik den Ort kulturell bereichert. Und meinen Dorfmusiker wünsche ich, dass Ihr Kurs haltet, und Euch immer daran erinnert: Aufschlanzen, Abschlanken und Blasen nicht vergessen!

Thomas Vergörer

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